DIE FILMEMACHER ZUM FILM:


Havanna hat sich im vergangenen halben Jahrhundert in eine Stadt der bewohnten Ruinen verwandelt. Dieser Prozeß ist nicht auf äußere Einwirkungen wie Krieg oder Naturkatastrophen zurückzuführen. DIE NEUE KUNST, RUINEN ZU BAUEN wird von denjenigen ausgeübt, die in diesen Gebäuden wohnen und allein durch ihre fehlenden Möglichkeiten, sie instand zu halten, ihren Verfall vorantreiben – bis hin zum Einsturz. Hier wird die Essenz aller menschlichen Werke sichtbar: die Unbeständigkeit. Doch dieser scheinbar rein philosophischen oder ästhetischen Betrachtung liegt eine höchst dramatische Geschichte zugrunde. Denn dies sind nicht die klassischen Ruinen der Akropolis oder Pompejis, es ist mehr als nur  zerstörte Architektur – hier leben Menschen.


Die Idee zu diesem Film entstand, als wir 1997/98 in Havanna lebten: inmitten der verfallenden Altstadt, in der Hauseinstürze auf der Tagesordnung stehen und  zahlreiche Nachbarn lebendig begraben.  Daher ist die Perspektive des Filmemachers zwangsläufig  nicht mehr die eines Unbeteiligten, eines neutralen Beobachters. Unsere Reise in die Ruinen  ausgewählter Gebäude Havannas führt bildlich einerseits die Geschichte der cubanischen Architektur von der Kolonialära bis zur Revolution vor Augen. Doch wir betrachten die Bauten durch die Augen ihrer Bewohner.


Ihre Erzählungen erst verleiht den Gebäuden Geschichte, Bedeutung und Einzigartigkeit. Die im Gespräch vor der Kamera erwachenden Erinnerungen an das Vergangene rufen den Protagonisten auch schmerzhaft ins Bewußtsein, wie sehr sich ihr Gebäude oder Viertel seit ihrem Einzug von einer Pracht- oder Avantgardearchitektur in eine Ruine verwandelt hat. Und mit den Gebäuden auch ihr Leben: das Schicksal und die Geschichte des kubanischen Sozialismus hat die Protagonisten ruiniert, im wörtlichen wie  im übertragenen Sinne. So wird die Geschichte der Architektur und ihrer Bewohner auch zur Geschichte des Scheiterns einer Utopie: der kubanischen Revolution  und ihrer Ideale.