Misleidys


In der ehemaligen Suite des Hotel Regina wohnt heute Misleidys. Nach der Trennung von ihrem millionenschweren Ehemann floh sie in die Wohnung, die heute aussieht wie der Unterschlupf einer Obdachlosengruppe. Dort lebte sie mit ihrem Kindheitsfreund Enrique,  dem Enkel der früheren Besitzerfamilie des Hotels, der ein Wohnrecht im obersten Stockwerk behalten hat. Beide gehörten damals zu den Frikis (=„Freakies“),  zur Punk- und Underground-Szene von Havanna – und taten alles, um die Wohnung im wahrsten Sinne „abzurocken“. Enrique ist inzwischen ausgezogen, Misleidys blieb allein – denn obwohl der Ort eine Ruine ist, ist er für sie  die einzige Zuflucht. Eine Zuflucht unter Lebensgefahr.  Denn um sich vor herunterfallenden Steinen zu schützen, schläft sie stets mit einem Kopfkissen auf.


„Wenn ich sterben müßte, möchte ich im Schlaf sterben. Wenn ich sterben müßte, sollte es hier sein. Nein, ich habe keine Angst. Das hier ist ein Ort mit Geschichte. Hier sind wunderschöne Dinge geschehen. Hier haben wundervolle Menschen gewohnt. Hier habe ich die besten Jahre meines Lebens verbracht. Früher war das mal das Hotel Regina. Heute ist es der Schutthaufen des Hotel Regina.  Ein Schutthaufen. Sieh dir seinen Zustand an. Das Ding stürzt jeden Moment ein und begräbt uns. Da draußen ist eine Wand komplett abgestürzt. Von der Decke fallen die Brocken herunter. Die Balken krachen ein. Und du siehst ja, wie kaputt die Treppen sind. Deshalb. Weil alles einstürzt. Das ist so, wie wenn du alt wirst. Du fühlst, daß dir nur noch wenig Zeit bleibt. Genau das passiert mit dem Gebäude. Es verfällt. Es stirbt. So viel Schönes hier liegt im Sterben.“