Nicanor del Campo
Bis heute lebt auf der Finca der heute etwa 80jährige Nicanor, Sohn des letzten Patriarchen der Del-Campo-Dynastie, die dort im 19. Jahrhundert ihren Familiensitz errichtete. Nachdem Nicanor wegen Widerstands gegen Castro verhaftet und der Besitz konfisziert wurde, verließ die Mehrheit seiner Großfamilie das Land und lebt heute in den USA. Als er freikam, verließen auch seine ehemaligen Mitstreiter und Mithäftlinge das Land. Doch Nicanor weigerte sich: er wollte die Erde seiner Väter nicht verlassen, mit der er seit Kindesalter verwurzelt ist. „Ich mag Cuba“, sagt er. Seine Frau Silvia und er denken gerne an die frühere Zeit – aber auch nicht zu viel, denn Nostalgie kann sehr weh tun, und es ist nicht schön, sich den fortschreitenden Verfall vor Augen zu halten. Um das Überleben der Familie zu sichern, geht der über 80jährige und inzwischen fast lahme Nicanor, früher Herr über ein Heer von Landarbeitern, selbst täglich zur Arbeit auf sein letztes Stück Land, das die Reform ihm gelassen hat: einen Achtelhektar, auf dem die Del Campos seit neuestem durch den Anbau der pazifischen Wunderpflanze Noni zu einem bescheidenem Wohlstand zu kommen hofft.
„Mir fällt es schon schwer, mich daran zu erinnern, wie es früher war. Alles hat sich so verändert. Doch man macht’s wie die Schnecke und verkriecht sich in den letzten Winkel, der einem bleibt. Früher war das Wichtigste, daß wir Sozialisten sind. Heute verlangen sie von uns, daß wir arbeiten und für die Nation produzieren. Das gefällt mir. So soll es sein. Immer habe ich ein Feld gefunden, auf dem ich mich entwickeln kann. Zum Beispiel die Sache mit dem Noni. Unglaublich, welch ein Enthusiasmus die Cubaner mit dem Noni packte. Na, und ich war einer der ersten, die ihn anbauten, auf der Suche nach dem Wunder, das der Noni bewirkt. Ich habe jetzt um die 100 Noni-Stauden. Sie tragen jede Menge. Keine andere Pflanze bringt so viel Geld ein. Manche sagen, daß sie Krebs hatten, und als sie Noni nahmen, wurden sie völlig gesund. Ich allerdings glaube, daß der Noni keine einzige Krankheit heilt. Alle haben immer die Hoffnung auf ein Wunder. Ob es kommt oder nicht. So wie jener Herr, der einst nach Florida reiste, um die Quelle der ewigen Jugend zu suchen. Und was er fand, waren ein paar Seminol-Indianer, die kämpften wie die Bestien. Um ein Haar hätten sie ihn umgebracht. Na, und der Noni hat zumindest noch niemanden umgebracht. So weit ich weiß. Ponce de León hieß der Mann. Die Quelle der ewigen Jugend.“
