Die „Große Ruine“: Antonio José Ponte,
Havanna und Fidel Castro
Inmitten der Ruinen von Habana Vieja lebt Antonio José Ponte, Inhaber eines imaginären „Lehrstuhls für Ruinologie“. Aus diesem selbstverliehenen Amt spricht eine tiefe Ironie: als einziger in Cuba lebender Redakteur der in Madrid ansässigen und von der Regierung bekämpften Kulturzeitschrift „Encuentro de la Cultura Cubana“ ist der 42-jährige von jeglichen Ämtern ausgeschlossen und darf seine Texte im Land nicht veröffentlichen. Daher meidet er Havannas Künstler- und Intellektuellenkreise und widmet sich ganz seinem Schreiben und seiner Ruinenforschung. In ausgedehnten Gängen durch die Stadt beobachtet er das Entstehen von etwas, was er eine „horizontale Ruine“ nennt: nicht einzelne zusammenstürzende Gebäude, sondern eine ganze Stadt, die sich flächendeckend in eine gigantische Ruinenkonstruktion verwandelt. In Essays, Gedichten und Erzähltexten mit Titeln wie „Sitz auf den Ruinen“ oder „Eine Kunst, Ruinen zu bauen“ spiegelt Ponte seine Theorie der Ruine wider. Diese stellt für ihn jedoch kein philosophisches Ideal dar, sondern erscheint ihm als das Werk eines perversen Baumeisters:
„Was ist passiert? Warum ist das passiert? Warum geht alles kaputt? Warum so viel Ruinen überall? Warum gibt es eine Hauptstadt wie Havanna, die verwüstet ist, ohne daß ein Krieg oder eine Naturkatastrophe das angestellt hätte? Für mich ist das alles ein Zerstörungswerk gewesen. Ein Gebäude kann von allein zur Ruine werden, ein Viertel vielleicht auch. Aber wenn eine ganze Hauptstadt zur Ruine wird, dann haben wir es mit einem Ruinenbau zu tun. Mit einer Kunst, Ruinen zu bauen: Man stellt Ruinen her, man fabriziert sie.“
Doch wer hat die Große Ruine Havanna gebaut? Die Faszination der Ruine und die Kunst der Ruinenbaus haben für Ponte eine Spur in der Geschichte der Literatur hinterlassen, die er bis hin zur Marotte der dekadenten englischen Adeligen des 18. Jahrhunderts zurückverfolgt, die sich falsche Ruinen in ihre eigenen Gärten bauen ließen, um so die Mode des Gothik-Revivals ihrer Zeit mitzumachen. In dieser Tradition gibt es für ihn im Cuba heutiger Tage ebenfalls einen dekadenten Ruinenbauer, der die ganze Stadt zur Ruine macht. Und zwar niemand anderes als der Revolutionsführer in Person.
„Meine Theorie ist: der gesamte Diskurs von Fidel Castro, heute wie seit seinen Anfängen, basiert auf der Invasion der Amerikaner. Die Stadt Havanna und ihre Ruinen entsprechen genau diesem Diskurs. Um seine politische Macht zu legitimieren, sagt Fidel Castro ständig, wir befänden uns kurz vor einer Invasion der Amerikaner. Um diesen politischen Diskurs architektonisch zu legitimieren, muß die Stadt so aussehen, als sei sie schon überfallen und bombardiert worden. In diesem Sinne herrscht hier eine neue Kunst, Ruinen zu bauen. Am Ende ist es ein bißchen dasselbe wie bei jenen englischen Großgrundbesitzern. Da die Gotik in ihren Ländereien nicht stattfand, fabrizierten sie sie selbst und bauten falsche Ruinen. Da die Invasion nicht stattfand, sind wir die falschen Ruinen einer Invasion, eines Kriegs, der nie gewesen ist.“
Castros Tragödie ist aber aus der Sicht von Ponte, daß dieser nicht nur sein Land und seine Hauptstadt zur Ruine gemacht hat. Auch die Menschen, die in den Ruinen leben, sind in gewisser Weise Ruinen – so wie Ponte selbst, dessen Leben durch sein Publikationsverbot im wahrsten Sinne ruiniert ist. Doch ruiniert ist auch eine Gesellschaft, die sich gegen ihren eigenen Verfall und den ihrer Häuser nicht mehr zur Wehr setzt. Doch was Castro nicht begreift: auch er selbst kann den Ruinen seines Landes nicht entkommen.
„Und das ist auch die Idee, die wir alle haben: Warte, bis alles durch sein eigenes Gewicht einfällt. Warte, bis Fidel Castro stirbt. Daher ist Fidel Castro die Große Ruine dieses Landes. Nicht nur, weil er alles ruiniert hat, sondern dabei auch sich selbst. Und wir warten darauf, daß er zusammenbricht.“
