ÜBER DIE PRODUKTION:
Einen Film in Cuba zu drehen, ist unabhängig von seinem Inhalt für jede Crew ein bizarres Abenteuer. In einem Land, in dem ganze Stadteile plötzlich von einem mehrstündigen Stromausfall getroffen werden oder sich mit einem Male die gesamte Zivilbevölkerung zu einem „antiimperialistischen Marsch“ oder zu Wehrübungen versammeln muß, muß man sich auf viele Unwägbarkeiten vorbereiten. Um diesen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, sind ausländische Filmemacher in der Regel angehalten, sich in die Obhut des staatlichen cubanischen Filminstituts ICAIC zu begeben, das gegen entsprechende Zahlungen in harter Währung die Drehorganisation übernimmt – und so natürlich auch Kontrolle darüber ausüben kann, was im Lande gedreht wird. Ausländische Kinoproduktionen ohne staatliche cubanische Beteiligungen sind daher größtenteils untersagt. So wird verhindert, daß ein allzu bedenkliches Bild Cubas in die Kinos kommt.
Einen unabhängigen Film zu drehen, der ohne den „Schutz“ der sozialistischen Behörden entsteht und auf diesem Wege das Land und seine Gesellschaft kritisch beleuchten kann, ist daher eine wirklich schwierige Herausforderung. Sie zu meistern hat den Filmemachern Florian Borchmeyer und Matthias Hentschler jahrelange Anträge und Behördengänge in Havanna abverlangt, in denen sie bei diversen staatlichen Stellen Empfehlungsschreiben, Drehgenehmigungen und Visa sammelten. Entgegen kam ihnen dabei die Tatsache, daß sie seit 1999 regelmäßig als Fernsehreporter nach Cuba reisen. Akkreditierte ausländische Journalisten werden dort weniger gegängelt, da man von staatlicher Seite das Bild einer weitgehenden Pressefreiheit in die Welt verbreiten möchte.
Die Grundidee der Produktion lag insofern darin, den Kinofilm in Cuba so anzumelden und durchzuführen, daß er aussieht wie eine gewöhnliche TV-Reportage. Aus diesem Grunde wurde für die Produktion eine HDCAM-Kamera ausgewählt, die sich trotz ihrer hohen Bildauflösung äußerlich kaum von den im Fernsehalltag gebräuchlichen Kameras unterscheidet. Für einen Außenstehenden war also gar nicht erkennbar, daß dort Kino gedreht wurde - obgleich Zollbeamte und Passanten nicht schlecht über die über insgesamt 920 kg Ausrüstung mit Kran, Dolly und Festbrennweit-Optiken staunten, besonders aber über die mehreren Koffern Tonequipment, das dies deutsche Fernsehteam mit sich führte. Die Begründung, daß die Fernsehsender im Vaterland von Beethoven und Wagner großen Wert auf guten Ton legen, war den Beamten ein eigenleuchtendes Argument. Die Einreise mit vollem Gepäck wurde genehmigt. So konnte in HAVANNA – DIE NEUE KUNST, RUINEN ZU BAUEN erstmalig das von allen Seiten tosende und donnernde Tonpanorama der Stadt in einem digitalen Surroundton eingefangen werden, der dem Film seine besonders intensive Atmosphäre verleiht.
Besonders mußte aber natürlich den Machthabenden verschleiert werden, daß der Film die Ruinen der Stadt und der Revolution abbilden solle. In allen den cubanischen Stellen vorgelegten Drehbüchern und Drehplänen mußte daher das Projekt gewissermaßen um 180 Grad gedreht werden. Statt HAVANNA – DIE NEUE KUNST, RUINEN ZU BAUEN hieß es offiziell nur „La Habana siempre viva - zu deutsch etwa: „Havanna immer fröhlich“. Selbst in internen Schriftstücken wurden alle kritischen Locations mit einem Decknamen versehen, um Bespitzelungen vorzubeugen (siehe dazu den „Produktionsbericht des Regisseurs“). Statt des Verfalls der Stadt porträtierte das Team ihren Wiederaufbau. Anstelle von Ruinen zeigte es sanierte Häuser. Doch, so die Begründungsstrategie: wer Sanierungen zeigt, muß auch den ursprünglichen Verfall zeigt, muß dem Zuschauer auch begreiflich machen, wie sie vor der Sanierung aussahen. Das war der Freibrief zum Filmen von Ruinen.
Als nach über vier Jahren der Recherchen und Behördengänge das Filmteam schließlich die Erlaubnis erhielt, verlief der Dreh ohne gravierende Unterbrechungen. Mehrmals war allerdings an Orten, zu denen der Zutritt verboten war (darunter besonders das eingestürzte Teatro Campoamor – „wegen der Sicherheit“, wie die Behörden mitteilten) eine spontane Flucht vor der anrückenden Revolutionspolizei der einzige Ausweg. Szenen, die im Grunde selbst filmreif gewesen wären – besonders wenn das Produktions- und Fluchtfahrzeug, mangels anderer mietbarer Transportmobile in Havanna, andernorts eher seinen Platz im Oldtimer-Museum hätte...