Reinaldo
Wenngleich auch keine theatralische, hat das Teatro Campoamor doch eine letzte Funktion bewahrt: als Wohnstätte. Auf dem Balkon hat sich ein Mann einquartiert, der seine Unterkunft verloren hatte. Sein Schlafzimmer ist der ehemalige Schminkraum der Schauspielerinnen. Als Wohnzimmer dient ihm der große Balkon des Saales. Quer durch den Saal hängt er seine Wäsche auf; in den Ruinen des Balkons hat er ein selbstgebautes Holz- und Kohleöfchen zum Kochen und eine improvisierte Waschstelle errichtet. Trotz des ärmlichen Anscheins ist Reinaldo aber kein einfacher Obdachloser: er geht einer geregelten Arbeit nach. Obwohl er in einer Ruine lebt, die ihn jeden Augenblick lebendig begraben kann, möchte er inzwischen ‚sein’ Theater nicht mehr verlassen. Zumindest behauptet er dies.
„Allein der Satz ‚Ich lebe in einem Theater’ muß dich mit Stolz erfüllen. Viele Menschen würden heute gerne in einem Theater leben. Ich bin sehr stolz, an diesem Ort zu leben, und ich möchte niemals wegziehen. Ich fühle mich als Teil des Theaters. Auch wenn es keine Tänzer mehr gibt und keine Bühne – für mich schon. Ich sehe sie. Denn ich bin selbst ein Teil des Theaters. Ich höre keine Musik und Tänze, aber ich sehe, ich erahne sie. Vor allem die großen Figuren, die durch dieses Theater gegangen sind. Wie der Meister Caruso, der große Meister Caruso. Ich ziehe gern die Vorhänge hoch, ich lasse wie wieder runter; ich setze mich in die erste Reihe und sehe ihnen zu – wie sie spielen, singen, tanzen. Und ich klatsche ihnen Beifall.
Es ist normal, so wie wenn du in einem Wohnhaus lebst. Du stellst dir vor, daß du in einem Haus wohnst. Selbst wenn es nicht dein eigenes ist. Aber du machst genau dasselbe: spülen, waschen, putzen, kochen, den Abfall wegwerfen, den Hund Gassi führen, damit er pinkelt und kackt. Denke niemals, daß du nicht bei dir zu Hause bist. Wenn der Mensch seine Gedanken nicht kontrolliert und deine Gedanken dich kontrollieren, wirst du verrückt.
