REVOLUTION DER RUINEN - RUINEN DER REVOLUTION
Eine Einführung in deutsche und cubanische „Ruinologie“
Schlechte Zeiten für Ruinen
herrschen in den letzten Jahren in Europa. Spätestens seit dem Fall der Berliner Mauer ist das Ziel der Stadtplaner, die aus dem Krieg ebenso wie aus jahrzehntelangem Brachliegen entstandenen Zerstörungen der Bausubstanz zum Verschwinden zu bringen: die vielfach beschworenen „Wunden der Erinnerung“ zu schließen, ohne daß eine Narbe sie noch erahnen ließe. Allerorten hat eine rege Neubautätigkeit eingesetzt.
Einstürzende Altbauten
Ein umgekehrter Prozeß läßt sich in Cuba beobachten. Eine „Wende“ hat dort nie stattgefunden. Die in den Jahrzehnten von Castros Regierung vernachlässigten Gebäude verlottern im feuchten tropischen Klima der Insel. Hier wächst das Neue Berlin in den Himmel, dort fällt das Alte Havanna immer mehr in sich zusammen. Doch nicht nur alte Kolonialpaläste sind von der zunehmenden Barackisierung Havannas betroffen. Zumindest nämlich das historische Erbe der Stadt wird von Regierung für Touristen und andere ausländische Devisenbringer in repräsentativen Schuß gebracht, wodurch sich die Altstadt zusehends in ein Museum verwandelt. Dagegen sind es gerade die jüngeren Altbauten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – also aus den Zeiten der cubanischen Republik, welche die kommunistische Revolution zu überwinden suchte –, die mehr und mehr dem Verfall überlassen sind: und damit der weitaus größte Teil der Stadt. Doch selbst die nach der Revolution errichtete Architektur – wie etwa das Plattenbauviertel Alamar – befindet sich oft schon in Ruinen, bevor sie überhaupt fertiggebaut ist.
Das Venedig der Jahrtausendwende
Ähnlich wie während des vergangenen Fin de Siècle dem Bauboom der Gründerzeit eine Sehnsucht nach dem Verfall gegenüberstand, inkarniert im vermodernden und in der eigenen Adrialagune versinkenden Venedig, ist die neue Intaktheit unserer Städte im Jahrzehnt nach dem Mauerfall nur eine Seite der Medaille. Komm in das Land, wo die Ruine blüht: das Schönheitsideal der ausgehenden 90’er Jahre wurde, insbesondere im Zuge von Wim Wenders’ „Buena Vista Social Club“, in beträchtlichem Maße von den abblätternden Gebäuden Havannas mitgeprägt. Im Anschluß an diesen Film entwickelte sich in Cuba ein regelrechter Ruinentourismus. Havanna war gewissermaßen das Venedig unseres Fin de Siècle - oder besser Fin de Millénaire. Es erweckte eine trügerische Sehnsucht nach lebensfreudigen Südländern, die trotz Armut und Verfall lachen und tanzen: „I’m singing in the ruins“ – in spanischer Son- oder Salsa-Version.
Ruinenbau als Kunstform?
Haben die Ruinen Havannas trotz ihrer funktionalen Mängel einen eigenen ästhetischen Wert, muß hinter dieser Zerstörung der Gebäude eine Art von unwillentlicher künstlerischer Logik stehen. Gleichsam als hätten es sich die Beamten der Stadtplanung zum heimlichen Ziel gemacht, die Stadt mehr und mehr der Barrackisierung anheimzugeben; es der privaten Initiative von Ruinenmachern zu überlassen, die Gebäude so zu verwüsten und ihrer eigentlichen Bestimmung zu entreißen, daß ein urbaner Raum übrigbleibt, der trotz und gerade wegen des Fehlens von neuen Bauten eine ganz eigentümliche Schönheit besitzt. Absurd und geradezu sarkastisch wird diese Sichtweise, wenn man bedenkt, daß diese Gebäude von Menschen bewohnt werden, denen intakte Häuser um einiges lieber wären; daß jeder Einsturz Tote, Verletzte und Obdachlose fordert. Schön sind diese Ruinen nur für den, der nicht in ihnen leben muß.
Die neue Kunst, Ruinen zu bauen
Gerade die Verbindung von Mensch und Ruine - und damit die Untrennbarkeit von ethischen und ästhetischen Faktoren - macht in Havanna die gemeinsame Besonderheit sämtlicher Ruinen aus fünf Jahrhunderten Architekturgeschichte aus. Kennzeichen der „klassischen“ Ruine ist es ja, daß sie durch punktuelle Zerstörung oder Verlassen des Bauwerks entstanden ist: also aus Tod oder Verschwinden des Menschen. Insofern ist die Schönheit griechischer oder aztekischer Tempel eine völlig andere, weniger komplexe. Selbst das World Trade Center ist trotz der Neuheit des Zerstörungsmechanismus eigentlich eine „klassische“ Ruine.
DIE NEUE KUNST, RUINEN ZU BAUEN besteht dagegen darin, daß die Zerstörung und der daraus resultierende Reiz aus der Abnutzung durch den Menschen resultiert, der den Verfall nicht aufhalten will oder kann. Konkret äußert sich die Besonderheit dieser Ruinen in der wuchernden Verbindung von allen zur Verfügung stehenden Bau- und Stilelementen. Diese dient nicht der Schönheit, sondern dem einzigen Zweck, das Gebäude in irgendeiner Form vor dem Einsturz zu bewahren und in Funktion zu halten. „Arte de inventar“ - „Kunst des Erfindens“ heißt in Cuba eine in den Zeiten der Wirtschaftkrise erlernte Strategie, aus allen möglichen zweckentfremdeten Einzelstücken und Schrotteilen das zusammenzuflicken, was aus Gründen der Bedürftigkeit nicht aus einem Guß neu gebaut werden kann: die ars inveniendi als ars vivendi.
Die neue Kunst, Ruinen zu denken
Der Charakter Havannas als bewohnte Ruine macht die Stadt in gewisser Hinsicht zur Inkarnation des Wunschtraums von Philosophen mehrerer Jahrhunderte, unter ihnen insbesondere deutsche Denker wie Georg Simmel oder Walter Benjamin. In der Ruine sahen diese die höchste Stufe architektonischer Vollendung, ja, ein universelles Schönheitsideal schlechthin, da in der Erosion des Gebäudes die unauslöschbare Spur der Zeit, die Vergänglichkeit der menschlichen Schöpfung und ihr Zurückeroberung durch die Gewalt der Natur einen unmittelbar sinnlich erfahrbaren Ausdruck erhält.
Nach der Utopie des Kommunismus hat die Utopie der Ruine in Cuba und seiner Hauptstadt Havanna ihr Traumziel und Experimentierfeld gefunden. Die deutschen Ruinen-Apologeten der vergangenen Jahrhunderte haben in heutigen Tagen einen unerwarteten karibischen Nachwuchs gefunden. Auf ihrer Basis machen junge cubanische Künstler und Intellektuelle die Ruine Havanna und die Ruinen Havannas, die das Zentrum ihres Lebens darstellen, auch zum Zentrum ihres Denkens. Als „Ruinologen“ bezeichnen sich selbst etwa der Schriftsteller Antonio José Ponte und der bildende Künstler Carlos Garaicoa. Was sie von ihren europäischen Vorbildern unterscheidet, ist jedoch die Tatsache, daß sie die Ruinen Havannas nicht aus der distanzierten Sicht des Außenstehenden betrachten können: da sie nämlich selbst tagtäglich in ihren leben müssen.
Die neue Kunst, Ruinen zu filmen
Arte nuevo de hacer ruinas ist ein Dokumentarfilm über die Ruinen Havannas in ihrer Ambivalenz von Schönheit und Zerstörung. Dennoch unterscheidet diesen Film ein essentieller Punkt von einer Architekturdokumentation, die den Hauptschwerpunkt auf die Bauweise und den architektonischen Wert des Gebäudes legt. Denn anders als die „klassischen“ Ruine sind die zerstörten Bauten Havannas bewohnt und können deshalb nicht in Unabhängigkeit von ihren Bewohnern betrachtet werden, die den Verfall zu Ruinen nicht nur schmerzlich erfahren, sondern zum Teil unwillentlich selbst mitverursacht haben.
„Die größte Perversion eines Ruinologen“, so Antonio José Ponte, „läge darin, Havannas Ruinen nur vom urbanistischen Standpunkt aus zu betrachten, nur als ästhetisch zu verarbeitende oder zu renovierende Architektur, als vom Menschen unabhängige Gebäude wahrzunehmen. Niemand wird in Havanna ein verlassenes Kolosseum oder eine Akropolis finden. Niemand wird, wie ein Besucher der Riesenköpfe auf den Osterinseln, fragen könne: wie kamen sie hierher? Und zu welchem Zweck? Und wenn es etwa Außerirdische gewesen wären? Denn überall wird er hier auf die Bewohner stoßen, die durch ihre bloße Existenz Begründung genug sind und ihr unwiderrufliches Recht auf das Dasein in diesen Bauten einfordern. Und zu diesen Bewohnern gehören schließlich auch wir selbst, die Ruinologen.“
HAVANNA - DIE NEUE KUNST, RUINEN ZU BAUEN porträtiert die Ruinen Havannas durch die Augen der ihrer Bewohner: aus den privaten Schicksalen, Erinnerungen, Ängsten und Zukunftswünschen der Menschen heraus, deren Leben seit mehreren Jahrzehnten mit den von ihnen bewohnten Gebäuden untrennbar verbunden ist. Für einen Filmemacher bedeutet das sicher ein ungeheures Privileg: was gäbe nicht etwa ein Archäologe darum, die einstigen Bewohner der Ruinen Pompejis interviewen zu können? Andererseits birgt dies Vorgehen eine tiefe Traurigkeit, welche die Freude an diesem Privileg in Frage stellt. Aus der Sicht der Bewohner ist die Geschichte der Ruinen zuallererst auch die Geschichte ihres eigenen Lebens, das gemeinsam mit den Gebäuden in fortschreitender Zerstörung befindlich ist. Dadurch wird das idyllisch-touristisches Bild von einer Stadt der schönen abgeblätterten Fassade ebenso fragwürdig wie eine ästhetisierende Ruinenromantik unhaltbar.