Totico
Nur einige wenige Ehepaare durften im Arbos-Gebäude mit einem Kind wohnen. Unter ihnen die Eltern von Totico, die in den späten 60’er Jahren mit ihrem kleinen Sohn einzogen. Totico hat so fast sein ganzes Leben in diesem Gebäude verbracht. Heute ist er derjenige, der es vor dem vollständigen Ruin bewahrt – denn er ist der einzige Klempner im ganzen Gebäude. Als Jugendlicher verliebte er sich in die Nachbarstochter Magdalena aus dem Stockwerk darunter, die er kennt, seit sie beide klein sind. Zusammen haben sie einen achtzehnjährigen Sohn. Doch Magdalena verließ das Arbos – und Totico. „Sie leben dort wie Tiere. Ich wollte ein besseres Leben für meine Kinder“, erklärt sie. Seit Magdalena in das Plattenbauviertel Alamar zog, lebt Totico nun allein mit seiner Mutter.
Seit früher Kindheit liebt Totico die Tauben. Anfangs spielte er mit ihnen auf den Galerien des Innenhofs, doch das war streng verboten. Der Hauswart aber, der den Jungen gerne mochte, erlaubte ihm, auf der Dachterrasse des Gebäudes seine Vögel aufzuziehen. Seitdem lebt Totico mehr zwischen Tauben als zwischen Menschen. Er hat auf dem Dach ein ausgeklügeltes Fallen- und Käfigsystem entwickelt und thront dort über den Dächern Havannas. Zu den Menschen steigt er nur noch hinunter, wenn die Taubenzucht ihm nicht genug Geld erbringt. Doch ausziehen will auch er nicht. Das Gebäude braucht ihn.
Ich halte es noch nicht für eine Ruine, denn es ist noch bewohnbar. Und eine Ruine, sagt man, ist nicht mehr bewohnbar. Deshalb glaube ich, es ist noch keine Ruine. Die Leute betrachten es eher als ein altes Gebäude mit seinen Gebrechen. Sie haben sich mit den Problemen abgefunden. Und weil es ein altes Gemäuer ist, versuchen die Leute, das Schlimmste zu verhindern. Vor allem die Rohrverstopfungen. Manchmal schwappen die Exkremente aus den Klos. Dann sickern sie in die Wohnungen darunter. Man könnte das Haus für unbewohnbar erklären. Ich achte da aber gar nicht drauf. Für mich ist das schon normal. Das kommt mit den Jahren. So wie ein alter Mann, der nach und nach ausmergelt. Ein altes Weiblein, das sich mit Rouge pudert. Du merkst es vielleicht erst, wenn du ihr übers Gesicht streichst. Aber es bleiben doch 78 Jahre. Die holt sich niemand vom Buckel. Viele Jahre...
